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Scope-3-Emissionen: Verstehen, erfassen, reduzieren

Scope-3-Emissionen entstehen in der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette eines Unternehmens. Sie machen meist den Großteil der CO2-Bilanz aus: oft über 70 Prozent, in einzelnen Branchen auch über 90 Prozent. Dieser Ratgeber zeigt, was unter Scope 3 fällt, erläutert die 15 Kategorien mit Praxisbeispielen und führt von der Datenerhebung bis zur Reduktion.

Stilisierte Illustration eines Eisbergs als Metapher für Scope-3-Emissionen. Die kleine sichtbare Spitze über der Wasserlinie ist mit „Scope 1 & 2" beschriftet und symbolisiert direkte Emissionen sowie Emissionen aus eingekaufter Energie. Der weit größere unter Wasser liegende Teil ist mit „Scope 3" beschriftet und symbolisiert indirekte Emissionen entlang der Wertschöpfungskette, die typischerweise 70 bis 90 Prozent der gesamten Treibhausgasbilanz eines Unternehmens ausmachen. Rechts vom Eisberg steht der Titel „Scope-3-Emissionen verstehen, erfassen, reduzieren".

Inhaltsverzeichnis

  1. Was sind Scope-3-Emissionen?
  2. Die 15 Scope-3-Kategorien im Überblick
  3. Scope-3-Emissionen: Beispiele aus der Praxis
  4. Pflichten und freiwillige Standards zu Scope-3-Emissionen
  5. In sechs Schritten zur belastbaren Scope-3-Bilanz
  6. Scope-3-Emissionen reduzieren: Wo die größten Hebel liegen
  7. Häufige Fragen zu Scope-3-Emissionen

1. Was sind Scope-3-Emissionen? Definition

Scope-3-Emissionen sind die indirekten Treibhausgasemissionen entlang der Wertschöpfungskette eines Unternehmens, die unter Scope 3 des Greenhouse Gas (GHG) Protocol fallen. Sie umfassen alle Emissionen, die nicht aus eigenen Anlagen oder eingekaufter Energie stammen, und entstehen bei Lieferanten, Logistikdienstleistern und Kund:innen sowie bei der Nutzung und Entsorgung verkaufter Produkte. Anders als bei direkten Emissionen kann das Unternehmen sie nicht direkt kontrollieren, aber durch Lieferanten- und Produktentscheidungen beeinflussen.

Übersicht der Treibhausgase und Emissionsquellen in den drei Scopes nach GHG Protocol. Oben sieben Treibhausgase als Wolken dargestellt: Kohlendioxid (CO₂), Methan (CH₄), Lachgas (N₂O), teilfluorierte Kohlenwasserstoffe (HFCs), perfluorierte Kohlenwasserstoffe (PFCs), Schwefelhexafluorid (SF₆), Stickstofftrifluorid (NF₃). Scope 1 (Direkt) umfasst stationären Energieverbrauch, Prozessemissionen, mobile Verbrennung und Verflüchtigungen. Scope 2 (Indirekt) umfasst eingekauften Strom, Kälte- und Wärmebezug. Scope 3 (Indirekt) umfasst Vorgelagerte Aktivitäten mit acht Kategorien (Eingekaufte Waren und Services, Kapitalgüter, Brennstoff- und Energie-Aktivitäten, Transport und Verteilung, Betriebsabfälle, Geschäftsreisen, Pendelverkehr, Gemietete Sachanlagen) und Nachgelagerte Aktivitäten mit sieben Kategorien (Transport und Verteilung, Verarbeitung verkaufter Produkte, Nutzung verkaufter Produkte, Entsorgung verkaufter Produkte, Vermietete Sachanlagen, Franchises, Investitionen).
Treibhausgase und Emissionsquellen in Scope 1, 2 und 3 entlang der Wertschöpfungskette. Eigene Darstellung in Anlehnung an den GHG Protocol Scope 3 Standard (WRI/WBCSD, 2011), Figure 1.1.

Scope 1, 2 und 3: Emissionen im Vergleich

Das Greenhouse Gas Protocol, der weltweit etablierte Standard für die Treibhausgasbilanzierung, unterscheidet zunächst direkte und indirekte Emissionen und teilt diese weiter in drei Scopes ein. Diese Trennung schafft Klarheit für die Bilanzierung und vergleichbare Daten für Reporting und Klimastrategie.

  • Scope 1: Direkte Emissionen aus eigenen Anlagen und Fahrzeugen, etwa aus der Verbrennung von Heizöl, Erdgas oder Diesel.
  • Scope 2: Indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie, vor allem Strom, Fernwärme und Kälte. Die Emissionen entstehen beim Energieversorger, werden aber dem Unternehmen zugerechnet, das die Energie verbraucht.
  • Scope 3: Alle übrigen indirekten Emissionen entlang der Wertschöpfungskette, von der Rohstoffgewinnung über Logistik und Geschäftsreisen bis zur Nutzung und Entsorgung verkaufter Produkte.

Die drei Scopes überschneiden sich innerhalb einer Unternehmensbilanz nicht: Jede Emission wird genau einem Scope zugeordnet. Auf Branchenebene kann eine Emission jedoch bei mehreren Unternehmen auftauchen, etwa als Scope 1 beim Lieferanten und Scope 3 beim Kunden.

Vergleichstabelle der drei Emissions-Scopes nach GHG Protocol mit Spalten Emissionstyp, Scope, Definition und Beispiele. Direkte Emissionen umfassen Scope 1: Emissionen aus eigenen oder kontrollierten Anlagen und Fahrzeugen der berichtenden Firma, zum Beispiel Verbrennung in eigenen Heizkesseln und Fahrzeugen, Prozessemissionen aus eigener Produktion sowie Verflüchtigungen aus Kältemitteln. Indirekte Emissionen umfassen Scope 2: Emissionen aus der Erzeugung eingekaufter Energie, die im Unternehmen genutzt wird, zum Beispiel eingekaufter Strom, Fernwärme, Fernkälte und Dampf. Indirekte Emissionen umfassen außerdem Scope 3: Alle übrigen indirekten Emissionen in der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette der berichtenden Firma, zum Beispiel eingekaufte Waren und Dienstleistungen, Logistik, Geschäftsreisen, Nutzung und Entsorgung verkaufter Produkte.
Vergleich der drei Emissions-Scopes nach GHG Protocol. Eigene Darstellung in Anlehnung an den GHG Protocol Scope 3 Standard (WRI/WBCSD, 2011).

Bilanziert werden alle sieben relevanten Treibhausgase nach Kyoto-Protokoll:

  • Kohlendioxid (CO₂),
  • Methan (CH₄),
  • Lachgas (N₂O),
  • teilfluorierte Kohlenwasserstoffe (HFCs/HFKW),
  • perfluorierte Kohlenwasserstoffe (PFCs/PFKW),
  • Schwefelhexafluorid (SF₆) und
  • Stickstofftrifluorid (NF₃).

Sie werden in CO₂-Äquivalente (CO₂e) umgerechnet, gewichtet nach ihrer Klimawirkung. SF₆ ist beispielsweise rund 23.500 Mal klimaschädlicher als CO₂.

Warum sind Scope-3-Emissionen so wichtig?

Im Durchschnitt machen Scope-3-Emissionen etwa drei Viertel der gesamten Treibhausgasbilanz eines Unternehmens aus. In Konsumgütern, Handel sowie wissensbasierten Dienstleistungen können es bis 90 Prozent sein, bei Finanzdienstleistern nahezu 100 Prozent. Unternehmen, die ihren CO₂-Fußabdruck (Corporate Carbon Footprint) reduzieren möchten, finden hier also den größten Hebel.

Auch wer berichten muss oder nach einem anerkannten Standard bilanzieren möchte, kommt an einer Scope-3-Bilanz nicht vorbei. Für berichtspflichtige Unternehmen ist Scope 3 im Rahmen von CSRD und ESRS E1 relevant. Darüber hinaus ist sie fester Bestandteil internationaler Standards und Initiativen wie Greenhouse Gas Protocol, Science Based Targets Initiative (SBTi) und Carbon Disclosure Project (CDP) (s. Kapitel 4).

2. Die 15 Scope-3-Kategorien im Überblick

Der Scope-3-Standard des Greenhouse Gas Protocol unterteilt die Wertschöpfungskette in 15 Kategorien: acht vorgelagerte (Upstream) und sieben nachgelagerte (Downstream). Nicht jede Kategorie ist für jedes Unternehmen relevant. Welche dominieren, hängt vom Geschäftsmodell ab.

Die Kategorien unterscheiden sich auch im zeitlichen Bezug der Emissionen: Manche sind bereits in früheren Jahren entstanden (z. B. eingekaufte Waren), andere entstehen zeitgleich mit der Aktivität (z. B. Geschäftsreisen) und wieder andere werden im Berichtsjahr ausgelöst, entstehen aber über Jahre (z. B. Lebenszyklus verkaufter Produkte, Entsorgung von Betriebsabfällen).

Übersicht der 15 Scope-3-Kategorien nach zeitlichem Bezug der Emissionen, dargestellt in drei Spalten. Spalte „Vergangenheit" (Emissionen bereits in früheren Jahren entstanden): Kategorie 1 (Eingekaufte Waren und Dienstleistungen), Kategorie 2 (Kapitalgüter), Kategorie 3 (Brennstoff- und Energie-Aktivitäten), Kategorie 4 (Transport und Verteilung). Spalte „Berichtsjahr" (Emissionen entstehen zeitgleich mit der Aktivität): Kategorie 6 (Geschäftsreisen), Kategorie 7 (Pendelverkehr), Kategorie 8 (Gemietete Sachanlagen), Kategorie 13 (Vermietete Sachanlagen), Kategorie 14 (Franchises). Spalte „Zukunft" (Aktivität im Berichtsjahr löst langfristige Emissionen aus): Kategorie 5 (Betriebsabfälle), Kategorie 9 (Transport und Verteilung Downstream), Kategorie 10 (Verarbeitung verkaufter Produkte), Kategorie 11 (Nutzung verkaufter Produkte), Kategorie 12 (Entsorgung verkaufter Produkte), Kategorie 15 (Investitionen). Kategorien der dritten Spalte sind als verbundene Boxen über Berichtsjahr und Zukunft dargestellt.
Zeitlicher Bezug der 15 Scope-3-Kategorien. Eigene Darstellung in Anlehnung an den GHG Protocol Scope 3 Standard (WRI/WBCSD, 2011), Figure 5.3.

Scope 3 Upstream: Die 8 vorgelagerten Kategorien

Scope-3-Emissionen fallen upstream bei eingekauften Gütern und Dienstleistungen an, vor der eigenen Wertschöpfung. Der Scope-3-Standard unterscheidet acht Kategorien:

Nr.KategorieBeschreibung
1Eingekaufte Waren und DienstleistungenCradle-to-Gate-Emissionen aller eingekauften Produkte und Services
2KapitalgüterHerstellung von Anlagen, Maschinen, Gebäuden und Fahrzeugen, die das Unternehmen einkauft
3Brennstoff- und energiebezogene AktivitätenVorgelagerte Emissionen aus Förderung, Herstellung und Transport von Brennstoffen und Energieträger
4Vorgelagerter Transport und VerteilungLogistik eingekaufter Waren in Fahrzeugen Dritter, inklusive Lagerung
5Im Betrieb anfallender AbfallEntsorgung und Aufbereitung betrieblicher Abfälle und Abwässer durch Dritte
6GeschäftsreisenReisen der Mitarbeitenden mit Verkehrsmitteln Dritter, etwa Flugzeug, Bahn oder Mietwagen
7Pendelverkehr der MitarbeitendenArbeitswege der Beschäftigten mit Verkehrsmitteln, die nicht dem Unternehmen gehören
8Vorgelagerte gemietete VermögenswerteBetrieb von Gebäuden, Anlagen oder Fahrzeugen, die das Unternehmen anmietet

Scope 3 Downstream: Die 7 nachgelagerten Kategorien

Scope-3-Emissionen fallen downstream bei verkauften Produkten und Dienstleistungen an, nach der eigenen Wertschöpfung. Der Scope-3-Standard unterscheidet sieben Kategorien:

Nr.KategorieBeschreibung
9Nachgelagerter Transport und VerteilungLogistik verkaufter Produkte in Fahrzeugen Dritter, vom Verlassen der eigenen Anlagen bis zur Auslieferung
10Verarbeitung verkaufter ZwischenprodukteWeiterverarbeitung verkaufter Halbfabrikate durch nachgelagerte Hersteller
11Nutzung verkaufter ProdukteEmissionen während der gesamten Nutzungsphase der verkauften Produkte, etwa Strom- oder Kraftstoffverbrauch
12Entsorgung verkaufter Produkte am LebensendeRecycling, Verbrennung oder Deponierung der verkauften Produkte nach ihrer Nutzungsphase
13Nachgelagerte vermietete VermögenswerteBetrieb von Gebäuden, Anlagen oder Fahrzeugen, die das Unternehmen an Dritte vermietet
14FranchisesScope-1- und Scope-2-Emissionen der Franchisenehmer aus dem Betrieb der Franchise-Standorte
15InvestitionenFinanzierte Emissionen aus Beteiligungen, Krediten und anderen Investitionen, insbesondere relevant für Banken und Investoren

3. Scope-3-Emissionen: Beispiele aus der Praxis

Beispiele zu den 15 Scope-3-Kategorien

Für jede der 15 Kategorien gibt es typische Aktivitäten, die in der Praxis bilanziert werden:

Nr.KategorieBeispiel
1Eingekaufte Waren und DienstleistungenEin Maschinenbauer kauft Stahlbleche und Elektronikkomponenten für seine Produktion. Die Emissionen aus deren Herstellung beim Lieferanten zählen zu Scope 3.
2KapitalgüterEin Krankenhaus beschafft einen neuen MRT-Scanner. Die Emissionen aus der Herstellung des Geräts werden im Jahr der Anschaffung bilanziert.
3Brennstoff- und energiebezogene AktivitätenEin Unternehmen bezieht 5.000 MWh Strom. Die Emissionen aus Förderung, Raffinerie und Transport der zugrundeliegenden Brennstoffe gehören zu Scope 3 (der Verbrauch selbst ist Scope 2).
4Vorgelagerter Transport und VerteilungEine Spedition liefert Rohstoffe per Lkw an den Hauptsitz eines Lebensmittelherstellers. Die Transportemissionen werden Scope 3 zugerechnet.
5Im Betrieb anfallender AbfallEin Produktionsbetrieb gibt Verpackungsabfälle und Produktionsausschuss an ein Recyclingunternehmen ab. Die Emissionen aus der Abfallbehandlung zählen zu Scope 3.
6GeschäftsreisenMitarbeitende einer Beratungsfirma fliegen zu Kundenterminen und übernachten in Hotels. Flug-, Bahn- und Mietwagenemissionen gehören zu Scope 3.
7Pendelverkehr der Mitarbeitenden60 Prozent der Beschäftigten fahren mit dem Auto zur Arbeit, 40 Prozent mit der Bahn. Die Emissionen aus dem Arbeitsweg werden in Scope 3 erfasst.
8Vorgelagerte gemietete VermögenswerteEin Unternehmen mietet ein Bürogebäude vom Eigentümer an. Heizung und Strom dort gehören zu Scope 3, sofern sie nicht bereits in Scope 1 oder 2 erfasst sind.
9Nachgelagerter Transport und VerteilungEin Möbelhersteller verkauft an einen Möbelhändler, der die Auslieferung an Endkund:innen selbst organisiert. Die nachfolgenden Transportemissionen gehören zu Scope 3.
10Verarbeitung verkaufter ZwischenprodukteEin Stahlwerk liefert Bleche an einen Automobilzulieferer. Die Emissionen aus dem Pressen und Schweißen der Bleche beim Zulieferer fallen unter Scope 3 des Stahlwerks.
11Nutzung verkaufter ProdukteEin Hersteller verkauft 10.000 Kühlschränke. Der Stromverbrauch dieser Geräte über ihre Lebensdauer wird Scope 3 zugerechnet.
12Entsorgung verkaufter Produkte am LebensendeEin Verpackungshersteller verkauft Kunststoffflaschen. Deren Recycling oder Verbrennung am Lebensende zählt zu Scope 3.
13Nachgelagerte vermietete VermögenswerteEin Immobilienunternehmen vermietet Bürogebäude an Firmen. Energieverbrauch und Heizung der Mieter:innen gehören zu Scope 3 des Vermieters.
14FranchisesEine Hotelkette betreibt 200 Standorte über Franchisenehmer:innen. Strom- und Heizemissionen dieser Standorte gehören zu Scope 3 des Markeninhabers.
15InvestitionenEine Bank vergibt Kredite an Unternehmen verschiedener Branchen. Die Emissionen der finanzierten Unternehmen, anteilig zur Kredithöhe, werden in Scope 3 erfasst.

Dominierende Scope-3-Kategorien nach Branche

Je nach Branche dominieren unterschiedliche Kategorien. Fünf typische Profile aus der Praxis:

  • Endprodukt-Hersteller (Automobil, Maschinenbau, Elektronik): Kategorie 1 (eingekaufte Waren) und Kategorie 11 (Nutzung verkaufter Produkte) machen den Großteil der Scope-3-Emissionen aus.
  • Konsumgüter und Handel: Kategorie 1 (eingekaufte Waren) dominiert, da Rohstoffe, Inhaltsstoffe und Handelsware den größten Emissionsanteil ausmachen. Bei langlebigen Produkten mit einem Energieverbrauch in der Nutzung ist auch Kategorie 11 (Nutzung verkaufter Produkte) relevant.
  • Immobilien und Bau: Kategorie 2 (Kapitalgüter, sogenannte Embodied Carbon aus Baumaterialien) bei Bauträgern und Entwicklern, Kategorie 11 (Nutzung) bei verkauften Gebäuden und Kategorie 13 (nachgelagerte vermietete Vermögenswerte) bei Vermietern.
  • Wissensbasierte Dienstleistungen: Kategorie 1 (eingekaufte Services und IT-Infrastruktur), Kategorie 6 (Geschäftsreisen) und Kategorie 7 (Pendelverkehr) machen typischerweise den Großteil aus, da kaum eigene Produktion vorhanden ist.
  • Öffentliche Verwaltungen: Kategorie 1 (Beschaffung) sowie Kategorie 6 (Geschäftsreisen) und Kategorie 7 (Pendelverkehr) sind die relevantesten Kategorien. Downstream-Kategorien spielen meist keine Rolle, da keine Produkte verkauft werden.

4. Pflichten und freiwillige Standards zu Scope-3-Emissionen

Für die Bilanzierung von Scope-3-Emissionen gibt es zwei relevante Bezugsrahmen: international etablierte Standards und Initiativen sowie rechtliche Pflichten in der EU und der Schweiz.

Internationale Standards und Initiativen für Scope3

International haben sich fünf Standards und Initiativen etabliert, an denen sich Unternehmen aller Größen freiwillig orientieren:

  • Greenhouse Gas Protocol Scope 3 Standard: Der methodische Bilanzierungs-Standard für Scope-3-Emissionen. Er definiert die 15 Kategorien, Berechnungsmethoden und Mindestanforderungen. Viele Standards, Initiativen und Regulierungsrahmen orientieren sich methodisch am GHG Protocol oder sind damit kompatibel.
  • ISO 14064-1: Internationale Norm für die Quantifizierung und Berichterstattung von Treibhausgasemissionen auf Unternehmensebene. Adressiert Scope 1, Scope 2 und „andere indirekte Emissionen“ (Scope 3) nach Wesentlichkeitsanalyse. Geeignet für zertifizierte Klimabilanzen.
  • Carbon Disclosure Project (CDP): Eine der führenden freiwilligen Plattformen für Umwelt-Reporting mit über 22.000 berichtenden Unternehmen weltweit. Für ein A-Rating ist die Offenlegung relevanter Scope-3-Kategorien erforderlich. Mehr als 700 Finanzinstitute mit über 142 Billionen US-Dollar verwaltetem Vermögen fordern darüber Klimadaten an.
  • Global Reporting Initiative (GRI): Weltweit am häufigsten verwendeter Standard für die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Die GRI 305 Disclosures verlangen die Berichterstattung von Scope-1-, Scope-2- und Scope-3-Emissionen. Häufig parallel zu CSRD verwendet.
  • Science Based Targets initiative (SBTi): Validiert wissenschaftsbasierte Reduktionsziele. Nach den aktuellen SBTi-Kriterien müssen Unternehmen Scope 3 in Near-Term Targets einbeziehen, wenn relevante Scope-3-Emissionen mindestens 40 Prozent der Gesamtemissionen aus Scope 1, 2 und 3 ausmachen. Voraussetzung ist eine vollständige Scope-3-Bilanz.

Scope 3 Reporting-Pflichten in EU und Schweiz

Darüber hinaus gelten in der EU und der Schweiz rechtliche Vorgaben zur Berichterstattung inkl. Scope-3-Emissionen. Sie betreffen aktuell vor allem große Unternehmen:

  • Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) der EU: Verpflichtet berichtspflichtige Unternehmen zur Berichterstattung nach ESRS E1. Dazu gehören die wesentlichen Scope-3-Kategorien, sofern sie im Rahmen der Klimaberichterstattung als relevant identifiziert werden. Diese Kategorien müssen methodisch nachvollziehbar bilanziert, begründet und berichtet werden. Nach der Omnibus-Reform wird der Anwendungsbereich auf Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden und über 450 Mio. € Nettoumsatz begrenzt; die konkreten Anwendungszeitpunkte hängen von Rechtsstand, Übergangsfristen und nationaler Umsetzung ab.
  • Obligationenrecht (Art. 964a ff. OR) und Klimaberichterstattungsverordnung der Schweiz: Große „Gesellschaften des öffentlichen Interesses“ (börsenkotierte Unternehmen, Banken, Versicherungen ab 500 Vollzeitstellen und CHF 20 Mio. Bilanzsumme oder CHF 40 Mio. Umsatz) müssen über Treibhausgasemissionen einschließlich Scope 3 berichten, soweit dies möglich und sachgerecht ist. Eine Revision in Anlehnung an die CSRD ist in Vorbereitung, wurde aber im Zuge des EU-Omnibus-Pakets pausiert.

5. In sechs Schritten zur belastbaren Scope-3-Bilanz

Wer eine CO₂-Bilanz für ein Unternehmen erstellen und dabei Scope 3 berücksichtigen möchte, durchläuft typischerweise sechs Phasen. Sie folgen den Anforderungen des GHG Protocol Scope-3-Standard und sind unabhängig von Unternehmensgröße und Branche anwendbar.

  1. Ziele und Bilanzgrenzen festlegen: Welche Geschäftseinheiten werden bilanziert, welches Berichtsjahr gilt als Basisjahr, welcher Standard wird angewendet (GHG Protocol, ISO 14064-1, ESRS E1)? Diese Grundentscheidungen prägen den gesamten Prozess.
  2. Wesentlichkeitsanalyse durchführen: Anhand von sechs Relevanz-Kriterien (Größe der Emissionen, Einflussmöglichkeit, Risiken, Stakeholder-Interesse, Auslagerung, Branchen-Leitlinien) wird für jede der 15 Kategorien geprüft, ob sie wesentlich ist. Ausschlüsse werden begründet und dokumentiert.
  3. Datenstrategie pro Kategorie definieren: Für jede wesentliche Kategorie wird entschieden, welche Datenquellen genutzt werden (Primärdaten von Lieferant:innen oder Sekundärdaten aus Emissionsfaktoren-Datenbanken) und welche Berechnungsmethode passt (spend-based, activity-based oder hybrid).
  4. Emissionen berechnen: Mit den gewählten Methoden und Emissionsfaktoren werden die Treibhausgasemissionen jeder Kategorie quantifiziert und in CO₂-Äquivalente umgerechnet.
  5. Qualität sichern und dokumentieren: Plausibilitätsprüfung, Konsistenzcheck zu Vorjahren und externen Benchmarks, vollständige Dokumentation aller Annahmen, Datenquellen und Berechnungsschritte für Audit oder Verifizierung.
  6. Berichten und Reduktion einleiten: Die Ergebnisse fließen in den Nachhaltigkeitsbericht ein und bilden die Basis für eine Dekarbonisierungsstrategie mit wissenschaftsbasierten Reduktionszielen, etwa nach SBTi.
Prozessgrafik mit sechs Phasen zur belastbaren Scope-3-Bilanz, dargestellt in zwei Reihen mit je drei Karten und verbindenden Pfeilen. Phase 1: Ziele und Bilanzgrenzen festlegen – Geschäftseinheiten, Basisjahr, Standard (z. B. GHG Protocol, ISO 14064-1, ESRS E1). Phase 2: Wesentlichkeitsanalyse durchführen – Relevanz-Kriterien für alle 15 Kategorien prüfen, Ausschlüsse begründen. Phase 3: Datenstrategie pro Kategorie definieren – Primär- oder Sekundärdaten, Berechnungsmethode (spend-based, activity-based, hybrid). Phase 4: Emissionen berechnen – Treibhausgasemissionen pro Kategorie quantifizieren, in CO₂-Äquivalente umrechnen. Phase 5: Qualität sichern und dokumentieren – Plausibilitätsprüfung, Konsistenzcheck, Dokumentation für Audit. Phase 6: Berichten und Reduktion einleiten – Nachhaltigkeitsbericht, wissenschaftsbasierte Reduktionsziele (SBTi), Dekarbonisierungsstrategie.
In sechs Phasen zur belastbaren Scope-3-Bilanz. Eigene Darstellung.

Scope-3-Emissionen berechnen: Drei Methoden im Vergleich

Für die Berechnung wesentlicher Scope-3-Kategorien stehen drei methodische Hauptansätze zur Verfügung. Welche Methode passt, hängt davon ab, welche Daten verfügbar sind und wie genau das Ergebnis sein muss. In der Praxis werden die Methoden über die 15 Kategorien kombiniert.

MethodeSo funktioniert sieWann sinnvollGenauigkeit
Ausgabenbasiert (spend-based)Einkaufsausgaben in Euro werden mit Emissionsfaktoren multipliziert.Bei vielen Lieferant:innen ohne Primärdaten, in der Anfangsphase oder für nicht wesentliche Kategorien.gering bis mittel
Aktivitätsbasiert (activity-based)Physikalische Mengen (Tonnen, Kilometer, Kilowattstunden) werden mit Emissionsfaktoren multipliziert.Wenn Mengen-Daten vorliegen, etwa zu Transport, Energie oder Materialien.mittel bis hoch
HybridKombination aus primären Lieferant:innen-Daten für wesentliche Posten und sekundären Faktoren für den Rest.Wenn ein Teil der Lieferant:innen produktspezifische Emissionsdaten liefert.hoch

Unabhängig von der Methode gilt: Je näher die Daten am tatsächlichen Geschäftsvorgang liegen, desto belastbarer die Bilanz. Primärdaten von Lieferant:innen (z. B. Product Carbon Footprints) sind dabei das Ziel, branchen- oder ausgabenbasierte Emissionsfaktoren der pragmatische Einstieg.

Typische Fallstricke bei der Scope-3-Bilanzierung

In der Praxis treten bei der Bilanzierung von Scope-3-Emissionen wiederkehrende Probleme auf. Wer sie kennt, kann sie früh vermeiden und spart Zeit und Korrekturaufwand.

  • Doppelzählungen zwischen den Scopes: Eine Emission darf innerhalb der eigenen Bilanz nur einem Scope zugeordnet werden. Häufige Fehlerquelle ist Kategorie 4 (vorgelagerter Transport), wenn die Logistik auch in Kategorie 1 (eingekaufte Waren) enthalten ist. Klare Systemgrenzen pro Kategorie verhindern das.
  • Spend-based als Dauerlösung: Ausgabenbasierte Berechnung ist ein schneller Einstieg, liefert aber nur grobe Werte. Wer wesentliche Kategorien dauerhaft so behandelt, verliert Genauigkeit und Reduktionssteuerung. Bei wesentlichen Kategorien sollte mittelfristig auf aktivitätsbasierte oder hybride Methoden umgestellt werden.
  • Lieferant:innen zu spät einbinden: Primärdaten von Lieferant:innen verbessern die Datenqualität deutlich, brauchen aber Vorlauf für Abstimmung, Schulung und Erhebung. Wer erst kurz vor Berichtsabgabe Anfragen verschickt, bekommt selten verwertbare Daten zurück.
  • Methodische Wechsel ohne Anpassung des Basisjahres: Wer von spend-based auf activity-based wechselt oder eine zuvor ausgeschlossene Kategorie aufnimmt, verändert die Bilanz strukturell. Ohne Neuberechnung des Basisjahres sind Zeitreihen und Reduktionsziele nicht mehr vergleichbar.
  • Selektive Kategorienwahl: Wesentlich erscheinende Kategorien zur Verbesserung der Bilanz auszuschließen, kann als selektive oder irreführende Berichterstattung gewertet werden. Die Wesentlichkeitsanalyse muss alle sechs Kriterien anwenden und Ausschlüsse begründen, sonst riskiert das Unternehmen Beanstandungen in der Prüfung.

Scope-3-Emissionen ohne Datenchaos angehen

Wir unterstützen Sie dabei, relevante Kategorien zu priorisieren, geeignete Datenquellen aufzubauen und belastbare Scope-3-Ergebnisse für regulatorische Pflichten, SBTi-Validierung oder interne Klimaziele zu erstellen.

6. Scope-3-Emissionen reduzieren: Wo die größten Hebel liegen

Die Reduktion von Scope-3-Emissionen folgt der Hierarchie vermeiden, reduzieren und nur im letzten Schritt kompensieren. Die wirksamsten Hebel hängen von der Branche ab. Typische Stellschrauben sind:

  • Lieferantenauswahl: Wechsel zu Lieferant:innen mit niedrigerem CO₂-Fußabdruck, etwa bei Stahl, Aluminium, Verpackungsmaterialien.
  • Produktdesign: Geringerer Materialeinsatz, Substitution kohlenstoffintensiver Werkstoffe, Recyclatanteile, Reparierbarkeit.
  • Energie- und Nutzungsphase: Bei verkauften Produkten (Kategorie 11) entscheidet die Effizienz über den größten Teil der Lebenszyklus-Emissionen.
  • Logistik und Verpackung: Modal-Shift, Routenoptimierung, kompaktere Verpackungen, Mehrweg-Systeme.
  • Lieferantenengagement: Setzen Lieferant:innen selbst SBTi-konforme Reduktionsziele, sinken die Scope-3-Emissionen über Jahre strukturell.

7. Häufige Fragen zu Scope-3-Emissionen

Ist eine Scope-3-Bilanz verpflichtend?

Eine Scope-3-Bilanz ist in der EU für berichtspflichtige Unternehmen nach CSRD verpflichtend, in der Schweiz für große Gesellschaften des öffentlichen Interesses nach OR Art. 964a ff. Kleinere Unternehmen sind aktuell nicht direkt betroffen, müssen aber zunehmend Daten an Großkunden liefern und sich an freiwilligen Standards wie GHG Protocol oder SBTi orientieren.

Welche Scope-3-Kategorien sind verpflichtend?

Nicht automatisch alle 15 Kategorien. Verpflichtend zu bilanzieren sind nur die Kategorien, die in einer Wesentlichkeitsanalyse nach den sechs Relevanz-Kriterien des GHG Protocol (Größe, Einfluss, Risiko, Stakeholder, Auslagerung, Branchen-Leitlinien) als wesentlich identifiziert werden. Unter CSRD und ESRS E1 gilt zusätzlich die doppelte Wesentlichkeit. Ausschlüsse müssen begründet und dokumentiert werden.

Was ist der Unterschied zwischen Scope 2 und Scope 3?

Scope 2 umfasst die indirekten Emissionen aus eingekaufter Energie wie Strom, Fernwärme oder Kälte. Scope 3 umfasst alle übrigen indirekten Emissionen entlang der Wertschöpfungskette, von eingekauften Waren über Logistik und Geschäftsreisen bis zur Nutzung und Entsorgung verkaufter Produkte. Scope 2 entsteht beim Energieversorger, Scope 3 bei Lieferant:innen, Logistikdienstleistern und Kund:innen.

Was ist der Unterschied zwischen Scope 3 und Product Carbon Footprint?

Scope 3 ist Teil der Treibhausgasbilanz eines Unternehmens (Corporate Carbon Footprint) und umfasst die indirekten Emissionen der gesamten Wertschöpfungskette über alle Produkte und Aktivitäten. Ein Product Carbon Footprint (PCF) bilanziert dagegen die Emissionen eines einzelnen Produkts über seinen Lebenszyklus. Beide Bilanzen überschneiden sich inhaltlich, folgen aber unterschiedlichen methodischen Rahmen.

Werden Scope-3-Emissionen doppelt gezählt?

Innerhalb einer Unternehmensbilanz soll jede Emission nur einem Scope zugeordnet werden; saubere Systemgrenzen verhindern Doppelzählungen. Auf Branchenebene kann eine Emission allerdings bei mehreren Unternehmen auftauchen, etwa als Scope 1 beim Lieferanten und Scope 3 beim Kunden. Das ist methodisch gewollt und entspricht dem Vorgehen des GHG Protocol Scope 3 Standard.

Welche Daten brauche ich für eine Scope-3-Bilanz?

Je nach Kategorie und Methode unterschiedliche Daten: Einkaufsausgaben in Euro für die ausgabenbasierte Methode, physikalische Mengen wie Tonnen, Kilometer oder Kilowattstunden für die aktivitätsbasierte Methode, und Primärdaten von Lieferant:innen (z. B. Product Carbon Footprints) für die hybride Methode. Typische Datenquellen sind Einkauf, Buchhaltung, Logistik, HR und Lieferantenfragebögen.

Wie bekomme ich Daten von meinen Lieferanten?

Primärdaten von Lieferant:innen werden über strukturierte Abfragen, Lieferantenfragebögen oder Plattformen wie CDP Supply Chain erhoben. Wichtig sind klare Anforderungen (Produktbezug, Bilanzgrenze, Methodik), realistische Vorlaufzeiten und Schulung. Wo Primärdaten fehlen, kommen branchenspezifische Sekundärdaten oder ausgabenbasierte Emissionsfaktoren zum Einsatz.

Was sind Embodied Carbon Emissionen?

Embodied Carbon bezeichnet die Treibhausgasemissionen, die in der Herstellung, im Transport und am Lebensende eines Produkts oder Gebäudes entstehen, im Gegensatz zu den Emissionen aus der Nutzungsphase. Im Scope-3-Standard zählen sie zu Kategorie 2 (Kapitalgüter) bei Anlagen und Gebäuden oder zu Kategorie 1 (eingekaufte Waren) bei eingekauften Materialien.

Was passiert mit Restemissionen in Scope 3?

Restemissionen sind Emissionen, die auch nach Ausschöpfung aller Reduktionsmöglichkeiten verbleiben. Unter dem SBTi Net-Zero Standard dürfen sie maximal 10 Prozent der Basisjahremissionen ausmachen und müssen durch dauerhafte Kohlenstoffentnahme (Carbon Removal) neutralisiert werden. Bilanztechnisch bleiben sie Scope 3, werden aber durch zertifizierte Removals kompensiert.

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