ISO 14064 vs. GHG Protocol – Standards im Vergleich (2026)
Wer eine Treibhausgasbilanz für sein Unternehmen nach anerkanntem Standard erstellen möchte, kommt um eine grundlegende Wahl nicht herum: ISO 14064 vs. GHG Protocol. Beide Standards sind etabliert und in vielen Punkten kompatibel, unterscheiden sich aber in Status, Aufbau und Verifizierung. Dieser Praxisleitfaden zeigt die Unterschiede, ordnet Scopes und ISO-Kategorien einander zu und liefert eine Entscheidungshilfe für typische Ausgangslagen.

Inhaltsverzeichnis
- Das Wichtigste in Kürze
- ISO 14064 vs. GHG Protocol: Was genau wird verglichen?
- ISO 14064 vs. GHG Protocol im direkten Vergleich
- GHG Protocol und ISO 14064 im Überblick
- Die Unterschiede im Detail
- Berichtspflichten im Vergleich
- Welcher Standard für welchen Berichtsrahmen?
- Neu seit 2025: Die ISO×GHG-Protocol-Partnerschaft
- Dual Compliance: Beide Standards parallel nutzen
- ISO 14064 vs. GHG Protocol: Entscheidungshilfe
- Häufige Fragen zu GHG Protocol und ISO 14064
1. Das Wichtigste in Kürze
- Das Greenhouse Gas (GHG) Protocol des World Resources Institute (WRI) und des World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) ist eine Standardfamilie für die Bilanzierung von Treibhausgasemissionen. Es ist im Unternehmensreporting weit verbreitet und bekannte Standards (z.B. CDP, GRI, SBTi) referenzieren darauf.
- Die ISO 14064 ist eine internationale Norm der International Organization for Standardization (ISO), die Mindestanforderungen an eine konforme Treibhausgasbilanz und ihre Verifizierung definiert. Sie wird in der Praxis häufig als Grundlage für die unabhängige Verifizierung genutzt.
- Strukturell klassifiziert das GHG Protocol Emissionen in drei Scopes, die ISO 14064 in sechs Kategorien.
- Bei der Verifizierung enthält die ISO-Normenreihe ein eigenes Verfahren (ISO 14064-3); das GHG Protocol nicht. In der Praxis werden auch GHG-Protocol-Bilanzen häufig nach ISO 14064-3 verifiziert.
- In den Berichtsrahmen CSRD/ESRS E1, CDP, GRI, IFRS S2 und SBTi sind beide Standards anerkannt. Wer nach ISO 14064-1 bilanziert, muss für die CSRD jedoch zusätzlich die Scope-2-Guidance des GHG Protocol einhalten.
- In der Praxis kombinieren viele Unternehmen beide Standards: GHG-Protocol-Methodik für die Bilanzierung, ISO 14064 für die formale Konformität und Verifizierung.
2. ISO 14064 vs. GHG Protocol: Was genau wird verglichen?
GHG Protocol und ISO 14064 befassen sich beide mit der Bilanzierung von Treibhausgasemissionen, sind aber unterschiedlich aufgebaut. Um sie miteinander zu vergleichen, müssen die entsprechenden Dokumente einander zugeordnet werden:
| Anwendungsbereich | GHG Protocol | ISO 14064 |
| Unternehmensbilanz | Corporate Standard / Corporate Value Chain (Scope 3) Standard | ISO 14064-1 |
| Klimaschutzprojekte | Project Protocol | ISO 14064-2 |
| Verifizierung | Kein eigenes Dokument | ISO 14064-3 |
Dieser Ratgeber konzentriert sich auf die für die meisten Unternehmen relevante Ebene der Unternehmensbilanz und ihrer Verifizierung. Klimaschutzprojekte sind ein eigenständiges Anwendungsgebiet und werden hier nicht vertieft.
3. ISO 14064 vs. GHG Protocol im direkten Vergleich
| GHG Protocol | ISO 14064 | |
| Allgemein | ||
| Herausgeber | WRI / WBCSD | ISO |
| Art des Dokuments | Methodischer Standard | Internationale Norm |
| Funktion | Beschreibt detailliert, wie eine Treibhausgasbilanz erstellt wird. | Definiert die Anforderungen an eine Treibhausgasbilanz. |
| Typische Anwendung | Bilanzierung und Reporting | Konformitätsnachweis und Verifizierung |
| Inhaltliche Anforderungen | ||
| Emissionsklassifikation | 3 Scopes (Scope 1–3; Scope 3 mit 15 Kategorien) | 6 Emissionskategorien |
| Bilanzgrenzen | Equity Share, Financial Control oder Operational Control | Control- oder Equity-Share-Ansatz; andere Konsolidierungsansätze zulässig, sofern dokumentiert |
| Scope 2 / Energie | Duale Berichterstattung: Location-based und (sofern anwendbar) Market-based | Eine Methode genügt; parallele Ausweisung zulässig |
| Datenqualität | Empfehlungen zu Datenqualität und Unsicherheitsbewertung | Anforderungen an Verfahren zur Datenqualität und Unsicherheitsbewertung |
| Verifizierung und Kosten | ||
| Verifizierung | Keine eigene Verifizierungsnorm; häufig Prüfung nach ISO 14064-3 oder ISAE 3410 | Eigene Verifizierungsnorm innerhalb der Normenreihe (ISO 14064-3) |
| Kosten | Kostenlos verfügbar | Kostenpflichtige Norm |
4. GHG Protocol und ISO 14064 im Überblick
Was ist das GHG Protocol?
Das Greenhouse Gas Protocol ist eine Sammlung von Standards und Guidance-Dokumenten, die detailliert beschreiben, wie eine Treibhausgasbilanz erstellt wird. Es wurde 1998 vom World Resources Institute (WRI) und dem World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) entwickelt.
Für die Unternehmensbilanz sind zwei Standards maßgeblich:
- Corporate Standard (2001, rev. 2004): Grundlage für die Bilanzierung auf Unternehmensebene.
- Corporate Value Chain (Scope 3) Standard (2011): Bilanzierung der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette.
Daneben sind folgende weitere Dokumente relevant:
- Scope 2 Guidance (2015): Bilanzierung von Emissionen aus eingekaufter Energie.
- Land Sector and Removals Standard (LSR): Bilanzierung von Landnutzung, Landnutzungsänderung und CO₂-Entnahmen; in Kraft ab 2027.
Nach Angaben des GHG Protocol nutzten 2023 rund 97 % der an CDP berichtenden Unternehmen aus dem S&P 500 den Standard für ihre Klimaberichterstattung.
Was ist die ISO 14064?
Die ISO 14064 ist eine internationale Norm, die Mindestanforderungen an eine konforme Treibhausgasbilanz und ihre Verifizierung definiert. Sie wurde 2006 von der ISO veröffentlicht und 2018 grundlegend überarbeitet. Inhaltlich ist sie eng mit dem GHG Protocol harmonisiert.
In Europa wird die Norm als Europäische Norm (EN) übernommen und von nationalen Normungsorganisationen veröffentlicht, im deutschsprachigen Raum zum Beispiel durch DIN (Deutschland), ÖN (Österreich) oder SNV (Schweiz).
Für die Unternehmensbilanz sind zwei Normenteile maßgeblich:
- ISO 14064-1 (2006, rev. 2018): Anforderungen auf Organisationsebene; Grundlage für den Corporate Carbon Footprint.
- ISO 14064-3 (2006, rev. 2019): Anforderungen an die Verifizierung von Treibhausgasinventaren.
Daneben ist folgendes weiteres Dokument relevant:
- ISO/TS 14064-4 (2025): Anwendungshilfe zu ISO 14064-1; beschreibt Methoden zur Quantifizierung und Berichterstattung auf Organisationsebene und enthält eine Korrespondenztabelle zum GHG Protocol Corporate Standard.
Während das GHG Protocol vor allem im Reporting verbreitet ist, wird die ISO 14064 in der Praxis häufig als Grundlage für die unabhängige Verifizierung von Treibhausgasinventaren genutzt.
5. Die Unterschiede im Detail
Scopes und ISO-Kategorien im Vergleich
Das GHG Protocol und die ISO 14064-1 klassifizieren Emissionen unterschiedlich: Das GHG Protocol unterscheidet drei Scopes, die ISO 14064-1:2018 sechs Kategorien. Beide Systeme sind inhaltlich weitgehend kompatibel, unterscheiden sich aber in der Granularität, besonders bei den indirekten Emissionen der Wertschöpfungskette.
Die drei Scopes des GHG Protocol strukturieren Emissionen nach ihrer Entstehungsquelle:
- Scope 1 – Direkte Emissionen: Emissionen aus eigenen Anlagen, dem Fuhrpark, Prozessen und diffusen Quellen wie Kältemitteln.
- Scope 2 – Indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie: Emissionen, die bei der Erzeugung von eingekauftem Strom, Wärme, Dampf oder Kälte entstehen.
- Scope 3 – Sonstige indirekte Emissionen: Alle weiteren indirekten Emissionen entlang der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette, unterteilt in 15 Kategorien.
Die sechs Kategorien der ISO 14064-1:2018 folgen einer ähnlichen Logik, fassen die Wertschöpfungskette aber gröber zusammen:
| ISO-Kategorie | Inhalt | GHG-Protocol-Entsprechung |
| Kategorie 1 | Direkte Emissionen | Scope 1 |
| Kategorie 2 | Indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie | Scope 2 |
| Kategorien 3–6 | Indirekte Emissionen aus Transport, eingekauften Produkten, verkauften Produkten und sonstige | Scope 3 |
Der wesentliche Unterschied liegt in der Behandlung von Scope-3-Emissionen: Das GHG Protocol unterteilt die Wertschöpfungskette in 15 spezifische Kategorien, die ISO 14064-1 fasst denselben Bereich in vier breiteren Kategorien (3–6) zusammen.

Bilanzgrenzen
Die Bilanzgrenzen legen fest, welche Emissionsquellen in die Treibhausgasbilanz eines Unternehmens einbezogen werden. Beide Standards verfolgen dabei dasselbe Ziel, unterscheiden sich jedoch darin, wie verbindlich die einzelnen Konsolidierungsansätze beschrieben werden. Drei Methoden stehen zur Auswahl:
- Equity Share: Das Unternehmen bilanziert seinen Anteil an den Emissionen einer Anlage entsprechend seiner Eigentumsquote.
- Financial Control: Das Unternehmen erfasst alle Emissionen aus Anlagen, über die es die finanzielle Kontrolle ausübt.
- Operational Control: Das Unternehmen erfasst alle Emissionen aus Anlagen, über die es die operative Kontrolle ausübt.
Beide Standards gehen unterschiedlich mit diesen Ansätzen um:
- GHG Protocol: Legt alle drei Ansätze explizit fest; Unternehmen wählen einen und wenden ihn konsistent an.
- ISO 14064-1: Nennt Control- und Equity-Share-Ansatz als übliche Methoden; andere Konsolidierungsmethoden sind zulässig, sofern sie durch ein GHG-Programm oder einen rechtlichen Vertrag definiert sind.
Scope-2-Berichterstattung
Für die Bilanzierung von Emissionen aus eingekaufter Energie (Scope 2) gibt es zwei anerkannte Methoden:
- Location-based: Die Emissionen werden auf Basis des durchschnittlichen Emissionsfaktors des jeweiligen Stromnetzgebiets berechnet.
- Market-based: Die Emissionen werden auf Basis vertraglicher Vereinbarungen berechnet, etwa Herkunftsnachweisen oder Power Purchase Agreements (PPAs).
Beide Standards gehen unterschiedlich mit diesen Methoden um:
- GHG Protocol: Unternehmen, die vertragliche Instrumente für den Stromeinkauf nutzen, müssen beide Methoden ausweisen (duales Reporting).
- ISO 14064-1: Eine Methode ist ausreichend; die parallele Ausweisung ist möglich, aber nicht vorgeschrieben.
Wer nach CSRD/ESRS E1 berichtet, muss unabhängig vom gewählten Standard das duale Scope-2-Reporting nach der Scope-2-Guidance des GHG Protocol einhalten.
Datenqualität
Die Qualität der Eingangsdaten beeinflusst maßgeblich die Aussagekraft einer Treibhausgasbilanz. Beide Standards verlangen deshalb Maßnahmen zur Sicherstellung der Datenqualität, unterscheiden sich aber im Verbindlichkeitsgrad:
- GHG Protocol: Empfiehlt Angaben zu Ursachen und Ausmaß von Unsicherheiten sowie eine Übersicht über Maßnahmen zur Verbesserung der Datenqualität.
- ISO 14064-1: Verlangt die Einführung und Aufrechterhaltung eines formalen Qualitätsmanagementverfahrens für das Treibhausgasinventar; eine dokumentierte Unsicherheitsbewertung wird empfohlen.
Verifizierung
Verifizierung ist die unabhängige Prüfung eines Treibhausgasinventars durch eine akkreditierte Stelle. Sie bestätigt, ob die berichteten Emissionen vollständig, korrekt und methodisch konform sind.
Beide Standards gehen unterschiedlich damit um:
- GHG Protocol: Enthält kein eigenes Verifizierungsverfahren. In der Praxis verifizieren Unternehmen GHG-Protocol-Bilanzen häufig nach ISO 14064-3 oder ISAE 3410 (International Standard on Assurance Engagements).
- ISO 14064-1: Die Normenreihe enthält mit ISO 14064-3 eine eigenständige Verifizierungsnorm, die Anforderungen an Verifizierende, den Prüfungsprozess und das Prüfungsurteil festlegt.
Kosten
Die beiden Standards unterscheiden sich auch im Zugang:
- GHG Protocol: Alle Standards und Guidance-Dokumente sind auf ghgprotocol.org kostenlos verfügbar.
- ISO 14064: Die Norm ist kostenpflichtig und wird pro Normteil erworben. Die Preise bewegen sich je nach Normteil und Anbieter typischerweise zwischen rund 150 und 250 €.
6. Berichtspflichten im Vergleich
Beide Standards legen fest, welche Angaben ein Treibhausgasbericht enthalten muss, unterscheiden sich aber im Verbindlichkeitsgrad einzelner Elemente:
| Berichtselement | GHG Protocol | ISO 14064-1 |
| Scope-1- und Scope-2-Emissionen, unabhängig vom Zertifikatehandel | Pflicht | Pflicht |
| Quantifizierungsmethoden mit Quellenangabe | Pflicht | Pflicht |
| Auswirkung von Unsicherheiten auf die Datengenauigkeit | Optional | Pflicht |
| Offenlegung zum Verifizierungsstatus | Optional | Pflicht |
| Entzug von Treibhausgasen (Removals*), sofern quantifiziert | Optional | Pflicht |
| Kennzahlen (z.B. Emissionsintensität) | Optional | Empfehlung |
| Aufschlüsselung der Emissionen nach Standorten / Betriebsstätten | Optional | Empfehlung |
*Removals müssen in beiden Standards als separate Position ausgewiesen werden und dürfen nicht von den Brutto-Emissionen abgezogen werden.
Das GHG Protocol ist in seinen Kernforderungen schlanker und verschiebt viele Angaben in den optionalen Bereich. ISO 14064-1 macht insbesondere die Dokumentation von Unsicherheiten und den Verifizierungsstatus zur Pflicht, was die Bilanz für externe Prüfungen belastbarer macht.
7. Welcher Standard für welchen Berichtsrahmen?
GHG Protocol und ISO 14064 werden in den meisten Berichtsrahmen anerkannt. Viele international etablierte Berichtsrahmen orientieren sich am GHG Protocol oder schreiben dessen Methodik ausdrücklich vor. Für die Verifizierung gilt ISO 14064-3 als verbreitetster Referenzstandard, auch für GHG-Protocol-Bilanzen.
- Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) / European Sustainability Reporting Standard E1 (ESRS E1): Wahl zwischen GHG Protocol und ISO 14064-1:2018. Wer nach ISO 14064-1 bilanziert, muss zusätzlich die Scope-2-Guidance des GHG Protocol einhalten und den Financial-Control-Ansatz anwenden.
- Carbon Disclosure Project (CDP): GHG Protocol explizit referenziert. Bilanzen nach ISO 14064-1 werden akzeptiert, müssen im CDP-Fragebogen aber zwingend in die Scope-Logik des GHG Protocol überführt werden.
- Global Reporting Initiative 305 (GRI 305): GHG Protocol als Berechnungsgrundlage für Emissionsangaben. Bilanzen nach ISO 14064-1 sind zulässig.
- International Financial Reporting Standards S2 (IFRS S2): GHG Protocol Corporate Standard (2004) ist verbindlich vorgeschrieben. Ausnahme für Unternehmen, die von einer nationalen Aufsichtsbehörde oder Börse zur Verwendung einer anderen Methode verpflichtet werden.
- Science Based Targets initiative (SBTi): GHG Protocol ist Pflicht, einschließlich des Scope 3 Standards für die vollständige Erfassung der Wertschöpfungskette.. ISO 14064-1 allein ist nicht ausreichend, da die vier Kategorien (3–6) nicht die erforderlichen 15 Scope-3-Kategorien abbilden.
8. Neu seit 2025: Die ISO×GHG-Protocol-Partnerschaft
Im September 2025 vereinbarten GHG Protocol und ISO eine strategische Partnerschaft. Bisher entwickelten beide Organisationen separate, aber weit verbreitete Standards. Das erschwerte die Vergleichbarkeit berichteter Emissionen und schuf unnötige Komplexität für Unternehmen, Berater:innen und Verifizierende.
Ziel der Partnerschaft ist eine gemeinsame globale Sprache für die Treibhausgasbilanzierung. Ziel ist dabei nicht die Ablösung bestehender Standards, sondern ihre schrittweise Harmonisierung. Die Zusammenarbeit deckt vier Bereiche ab: Unternehmensbilanz, Produktbilanzen, Klimaschutzprojekte und Verifizierung. Das Ergebnis sollen gemeinsam gebrandete internationale Standards sein, die auf die Anforderungen von CSRD, IFRS S2 und GRI ausgerichtet sind.
Seit dem ersten Quartal 2026 arbeiten ISO-Fachleute in den technischen Arbeitsgruppen des GHG Protocol mit. Beide Organisationen bleiben in ihrer Entscheidungsfindung vollständig unabhängig; die endgültige Verabschiedung von Standards liegt weiterhin bei jeder Organisation separat. Die bestehenden Standards bleiben gültig, bis neue veröffentlicht werden. Laut Aussagen von Vertreter:innen beider Organisationen in einem gemeinsamen Webinar (Februar 2026) soll die Harmonisierung bis Ende 2028 abgeschlossen sein.
9. Dual Compliance: Beide Standards parallel nutzen
Viele Unternehmen wenden beide Standards gleichzeitig an. Dieser Ansatz wird als Dual Compliance bezeichnet. Dabei übernehmen die beiden Standards unterschiedliche Rollen:
- GHG Protocol: dient als methodisches Rückgrat für die Bilanzierung mit detaillierten Anweisungen für Scope-1-, -2- und -3-Emissionen sowie den 15 Scope-3-Kategorien.
- ISO 14064-1: strukturiert die Dokumentation und formale Konformität; ISO 14064-3 bildet die Grundlage für die anschließende Verifizierung durch eine akkreditierte Prüfstelle.
Der duale Ansatz ist besonders dann sinnvoll, wenn ein Unternehmen sowohl für Berichtsrahmen wie CDP, SBTi oder CSRD berichten als auch eine formal verifizierbare Bilanz vorweisen muss. Viele Unternehmen dokumentieren ihre Daten so, dass sie sowohl dem GHG Protocol entsprechen als auch die Anforderungen der ISO 14064-1 erfüllen. Das erleichtert die anschließende Verifizierung nach ISO 14064-3 erheblich.

10. ISO 14064 vs. GHG Protocol: Entscheidungshilfe
Wer eine CO₂-Bilanz für sein Unternehmen erstellen möchte, steht also vor der Wahl: GHG Protocol, ISO 14064 oder beide Standards. Die Entscheidung hängt von der konkreten Ausgangslage ab. Die folgende Übersicht hilft dabei:
GHG Protocol empfiehlt sich, wenn:
- eine Bilanz für CDP, SBTi, IFRS S2 oder CSRD/ESRS E1 erstellt wird
- Scope-3-Emissionen vollständig nach den 15 Kategorien erfasst werden sollen
- eine detaillierte, schrittweise Anleitung mit Fallbeispielen für die Bilanzierung gesucht wird
ISO 14064 empfiehlt sich, wenn:
- eine formal verifizierbare Treibhausgasbilanz mit normativen Anforderungen benötigt wird
- die Bilanz in ein bestehendes ISO-Managementsystem (z.B. ISO 14001) integriert werden soll
- eine unabhängige Verifizierung nach ISO 14064-3 durch eine akkreditierte Prüfstelle geplant ist
Beide Standards parallel empfehlen sich, wenn:
- das GHG Protocol als methodisches Rückgrat für die Bilanzierung dient und ISO 14064 die Dokumentation und Verifizierung strukturiert
- die Bilanz gegenüber unterschiedlichen Stakeholdern (Investoren, Behörden, Kunden) belastbar sein muss
Fazit: Das GHG Protocol liefert die detaillierte Methodik für die Erstellung einer Treibhausgasbilanz. ISO 14064 definiert die formalen Anforderungen an Dokumentation und Verifizierung. Für die meisten Unternehmen ist die Kombination beider Standards heute der praktikabelste Ansatz. Für welchen Standard Sie sich auch entscheiden: Mit einer normkonformen Treibhausgasbilanz schaffen Sie die Grundlage für eine fundierte Dekarbonisierungsstrategie inkl. realistischem Absenkpfad
Wir begleiten Sie bei Standardwahl und Anwendung
Wir unterstützen Unternehmen bei der Auswahl des passenden Bilanzierungsstandards, der Erstellung normkonformer Treibhausgasbilanzen und der Vorbereitung auf eine unabhängige Verifizierung.
11. Häufige Fragen zu GHG Protocol und ISO 14064
ISO 14064 ist keine gesetzlich vorgeschriebene Norm. Manche Berichtsrahmen erlauben sie als Bilanzierungsstandard, zum Beispiel CSRD/ESRS E1 als Alternative zum GHG Protocol. Für die Verifizierung schreiben mehrere Berichtsrahmen ISO 14064-3 oder ein gleichwertiges Verfahren vor.
Das GHG Protocol ist selbst kein gesetzlicher Standard. Mehrere Berichtsrahmen schreiben seine Methodik jedoch ausdrücklich vor oder verweisen auf sie, etwa IFRS S2 oder die Science Based Targets initiative (SBTi).
Nein. Beide Standards erfüllen unterschiedliche Funktionen: Das GHG Protocol beschreibt detailliert, wie eine Treibhausgasbilanz erstellt wird. ISO 14064-1 legt fest, welche Mindestanforderungen sie erfüllen muss. In der Praxis nutzen viele Unternehmen beide parallel. Die 2025 angekündigte Partnerschaft zwischen GHG Protocol und ISO zielt nicht auf eine Ablösung, sondern auf Harmonisierung.
Das GHG Protocol hat kein eigenes Zertifizierungsverfahren. Unternehmen, die eine formal verifizierbare Bilanz benötigen, lassen ihre GHG-Protocol-Bilanz häufig nach ISO 14064-3 oder ISAE 3410 verifizieren, was umgangssprachlich oft als „Zertifizierung“ bezeichnet wird. CDP erkennt eine solche Drittprüfung nach ISO 14064-3 ausdrücklich an und bewertet sie im Scoring höher.
Das GHG Protocol unterscheidet drei Scopes. ISO 14064-1 verwendet sechs Kategorien. Scope 1 entspricht Kategorie 1, Scope 2 entspricht Kategorie 2. Scope 3 mit seinen 15 Kategorien entspricht den ISO-Kategorien 3–6, die denselben Bereich aber gröber fassen.
Dual Compliance bezeichnet die gleichzeitige Anwendung beider Standards. Das GHG Protocol liefert die Bilanzierungsmethode, ISO 14064 den formalen Rahmen für Dokumentation und Verifizierung. Dieser Ansatz erfüllt gleichzeitig die Anforderungen von Berichtsrahmen wie CDP, SBTi oder CSRD und die Erwartungen akkreditierter Prüfstellen.
Ja. Beide Standards sind inhaltlich weitgehend kompatibel. Die 2018-Revision der ISO 14064-1 hat die Kompatibilität mit dem GHG Protocol gezielt verbessert. Viele Unternehmen nutzen das GHG Protocol für die Bilanzierung und ISO 14064-3 für die Verifizierung.
Kurzfristig nichts. Die bestehenden Standards bleiben gültig, bis neue veröffentlicht werden. Unternehmen müssen ihre bestehenden Treibhausgasbilanzen deshalb derzeit nicht anpassen. Die Harmonisierung soll bis Ende 2028 abgeschlossen sein.
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